Digitale Selbstdiagnosen
Shownotes
Psychische Gesundheit ist in den sozialen Medien allgegenwärtig. Das trägt zur Aufklärung bei und baut Tabus ab, führt aber auch zu Fehlinformationen und vorschnellen Selbstdiagnosen. Diese Episode der HörRäume bündelt drei Perspektiven: eine journalistische Annäherung an Mental-Health-Trends im Netz, Einblicke aus der schulischen Beratungspraxis und eine fachliche Einordnung aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Im Zentrum steht die Frage, wie Orientierung im Netz gelingen kann, ohne dass aus normalen Krisen Krankheitsbilder werden, und welche Verantwortung Plattformen, Fachwelt und Gesellschaft dabei tragen.
Die Impulse waren Teil der Veranstaltung "Via medici: Digitale Diagnosen", die im Juni 2026 in Kooperation mit der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg im Hospitalhof (Stuttgart) stattgefunden hat.
Einführung: Akademiedirektor Dr. Dietmar Merz.
Unsere Veranstaltungen im Themenbereich "Gesellschaft"
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Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen, liebe Hörer, zu einer weiteren Episode aus der Reihe Via Medici Grundfragen der Medizin. Heute zum Thema Digitale Diagnosen, psychische Gesundheit als Social Media Trend. Mein Name ist Dietmar Merz, ich bin Studienleiter für Medizinethik und Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll. Allzu gern nehmen wir unsere Smartphones zur Hand, um zu recherchieren. Wann immer uns eine Sache interessiert und wir uns informieren wollen, haben soziale Medien eine große Bedeutung. Besonders spannend ist dies in Gesundheitsfragen. Denn was wir dort aus den sozialen Medien und übers Internet erfahren, kann uns zum einen helfen, Erkrankungen zu verstehen und sensibel dafür zu sein. Andererseits können sie auch die Schwelle senken, dass wir anhand einer fälschlichen Selbstdiagnose meinen, genau diese Krankheit zu haben. Die Forscherin Alexandra Philipsen der Uniklinik Bonn, die sich mit sozialen Medien und Gesundheitsfragen als Social Media drin befasst hat, meint, es wäre unbedingt gut, dass die Aufklärung in sozialen Medien zusammen mit Fachleuten entworfen werden und dass sie zusammen Formate entwickeln aus Wissenschaft und Medienbetreibern. Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch eine neue Studie der University of East Englia in Norwich, England. Forscher, Forscherinnen haben untersucht, die Genauigkeit von Informationen eben gerade zu psychischen Gesundheit und Neurodivergenzen auf Plattformen wie YouTube, TikTok, Facebook und anderen und haben dabei im Durchschnitt Fehlinformationen von etwa 56% entdeckt. Diese Hinweise zeigen die Problematik des Trends von digitalen Selbstdiagnosen zu Gesundheitsfragen. Im Folgenden hören Sie Beiträge von Franziska Hochwald, wenn Informationen krank machen, einen Überblick über die Problemstellung, einen Kurzbericht aus der Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern durch Dagmar Preiß und letztendlich eine Einordnung durch den Kinder und Jugendpsychiater Professor Doktor Oliver Fricke. Viel Freude beim Hören wünscht Ihnen Dietmar Merz.
Ich darf Sie heute in unser Thema Digitale Diagnosen einführen. Ich bin ja von Haus aus eigentlich Kulturwissenschaftlerin und arbeite als Autorin für die Radiosendestrecke S.W.R. Das Wissen, vor allem zu den Themen Psyche und Bildung. Und in meinen Interviews mit jungen Menschen mit psychischen Themen ist mir immer wieder aufgefallen, dass die sozialen Medien eine wirklich große Rolle gespielt haben. die jungen Leute verwenden sie, um ihre Themen zu verarbeiten. Es ist aber auch immer wieder die Rede davon gewesen, dass diese Medien Probleme intensivieren. Besonders auffällig für mich war das beim Thema selbstverletzendes Verhalten. Da haben mir Interviewpartnerinnen berichtet, dass es zum Teil fast schon eine sportliche Herausforderung war, wie tief und wie oft sie sich ritzten im Vergleich zu den Influencerinnen, die sie online gesehen haben. Deswegen habe ich recherchiert, wie soziale Medien das Krankheitsverständnis von jungen Menschen beeinflussen. Selbstdiagnose und Cyberchronie, wenn Informationen krank machen, hieß meine Radiosendung dazu. Auch wenn ich also eigentlich Sozialwissenschaftlerin bin, mein Zugang ist heute ein eher journalistischer. Ich möchte Sie ein bisschen mitnehmen in die Welt der sozialen Medien, einige Phänomene zeigen und ein paar Fragen stellen. Kennen Sie TikTok und wissen Sie, wie es funktioniert? Diese Plattform ermöglicht ihren Usern, selbst zu den Stars zu werden, die sie bewundern. Aus einer langen Liste kann man sich Songs aussuchen. Dann nimmt man zu diesen Songs sein Gesicht auf, mit den passenden Lippenbewegungen oder den Tanz, der dazu gehört, oder den man sich ausgedacht hat. Und natürlich liegt es nahe, solche Songs zu performen, Wie der eigenen Befindlichkeit entsprechend. So, das ist so die eigentliche Idee von TikTok und ich nehme an, viele haben sich das gar nicht klar gemacht, dass das die eigentliche Idee von der App ist, wie die grundsätzlich funktioniert. Aber inzwischen hat die Plattform viele andere Nutzungsmöglichkeiten gefunden und damit geht es auch schon los mit unserem Thema digitale Diagnosen. Die Tourette-Spezialistin Kirsten Müller-Vahl leitet an der Hannoveraner Uniklinik eine Tourette-Ambulanz. Sie beobachtete schon vor 2020, dass immer mehr Jugendliche zu ihr in die Sprechstunde kamen, mit sehr außergewöhnlichen Symptomen. Man glaubt ja beim Tourette-Syndrom, dass die Leute unvermittelt Schimpfwörter rufen. Doch das, so Müller-Vahl, ist gar nicht so. Und doch plötzlich kamen diese Jugendlichen, die zwanghaft Schimpfwörter riefen, eine seltsame gurgelnde Stimme präsentierten und dabei wirklich litten. Schnell stellte sich heraus, ausnahmslos alle hatten Videos aus dem Kanal 'Gewitter im Kopf' angeschaut. Laut Müller-Vahl ist es der erste dokumentierte Fall von sozialer Ansteckung im Internet. Durch das Internet entsteht also ein neues Phänomen im Umgang mit psychischen Erkrankungen. Menschen definieren sich stark über ihre psychischen Störungen und bilden Interessengruppen, in denen sie um Anerkennung für ihre Erkrankung kämpfen. Eine solche neu ins Bewusstsein gekommene Erkrankung ist die Misophonie. Misophonie bedeutet, dass man mit tiefem Abscheu auf bestimmte Geräusche reagiert. Die Frage ist, wurde dieses Krankheitsbild durch die sozialen Medien erst sichtbar oder wurde es durch die sozialen Medien überhaupt erst erschaffen? Videos, in denen Menschen ihre psychischen Erkrankungen thematisieren, gibt es mittlerweile wirklich viele in den sozialen Medien. Themen sind vor allem Magersucht, Autismus, A.D.H.S. und Depressionen. In den U.S.A. auch vielfach dissoziative Identitätsstörung, eine Erkrankung, die interessanterweise hierzulande viel seltener zu sein scheint. Also, man kann fragen, wer macht solche Videos? Wer sind diese Menschen, die zu Influencern werden, auf TikTok? Ich denke, wenn man sich das durchschaut, kann man sehr schnell 3 Typen unterscheiden. Das erste ist der Experte oder besser gesagt, der angebliche Experte. Denn es gibt zwar inzwischen viele, die tatsächlich ausgebildete Ärzte und Psychologen sind und die auch öffentlich, auch die öffentlich-rechtlichen Medien machen inzwischen einiges auf TikTok, aber es gibt auch viele, die sich Psychologen und Mediziner nennen. Doch keiner weiß, ob es wirklich stimmt und häufig sind ihre Informationen und Tipps mehr als fragwürdig. Wir haben vorhin gehört, 56% sind falsch, wenn man es statistisch auswertet. Das ist der erste, man kann ja deutlich sehen, dass er 'n Experte ist, weil er hat ja 'n Stethoskop um den Hals und deswegen muss er ja auch wissen, wovon er spricht. So, die zweite ist 'ne betroffene Jugendliche, ne? Die ist so 'n 'n Fall von den Jugendlichen, die tatsächlich keine große Show machen, sondern die versuchen, ihre ihren Lebensalltag in kurzen TikTok-Videos zu zeigen, die das Anliegen eben hat, ihre Situation zu teilen. Aber der Übergang zwischen Mitteilungsbedürfnis und Selbstdarstellung ist fließend. Bei der Mehrzahl der Videos gewinnt man den Eindruck, dass die Selbstdarstellung das Hauptanliegen ist und die vielleicht auch nur angebliche psychische Störung, nur das Vehikel, um Klicks zu kommen. Und das sind für mich die Psychomodels und da hab ich exemplarisch einen Frame raus fotografiert aus einem dieser Videos. Die junge Frau hat Depressionen und ist auch wirklich sehr, sehr anrührend, ihr Video anzuschauen. Aber interessanterweise machen die gar keinen Hehl drauf, dass Schönsein das Wichtigste dabei ist, weil häufig drehen sie ihre Videos, während sie sich schminken. Also wirklich der Fokus darauf, eigentlich geht es nur darum, dass ihr seht, wie schön ich bin und wie schön ich mich machen kann. Und es gibt auch Jungs in der Szene, aber deutlich weniger. Und ich hab mal 3 und das sind keine extremen Beispiele, die ich da gesucht hab, sondern das sind die normale Beispiele von der Art von Jungs, die wir auf TikTok finden. Der erste spricht über seine Depressionen und der zweite in der in der Mitte über Traumata, dissoziative Identitätsstörungen und sexuellen Missbrauch in seiner Kindheit. Und der erzählt dann ebenso, wie er mit seinen ganzen Anteilen diskutiert, ob sie sich jetzt dieses Tattoo ins Gesicht stechen lassen und wenn ja, wann und wie. und der Dritte über seine Erfahrungen als Transperson. Sicher ist aber, solche Videos, man kann ja immer drunter sehen, wie viele Klicks die kriegen und zum Teil sind es 100 Tausende oder Millionen von Klicks. Sie treffen auf Zuspruch. Begonnen hat dieses Phänomen lang vor Corona, doch in der Zeit der Lockdowns explodierte es nachgerade. Auch wenn jetzt der Fokus der Öffentlichkeit darauf nicht mehr so stark ist, das Phänomen bleibt und es hat Wirkung. welche Wirkung es hat oder haben kann, darüber möchte ich jetzt 'n bisschen sprechen. Sie sind wahrscheinlich alle gekommen, um mehr über das Problem mit den sozialen Medien zu verstehen. Doch die selbsternannten Online-Psychologen haben auch positive Aspekte, zumindest ein Stück weit. Zuallererst ist es ja lange Zeit so gewesen, dass psychische Erkrankungen ein Tabuthema waren. Vor allem in der Arbeitswelt ist es wohl in weiten Teilen immer noch so, Niemand möchte gerne zugeben, dass er psychische Probleme hat und das mit gutem Grund. Denn für Arbeitgeber könnte das durchaus einen Unterschied machen, zum Beispiel eine Beförderung behindern oder verhindern. Die Videos helfen den Betroffenen auch, Worte zu finden für ihre Thematik. So zeigen etwa Studien zu Autistinnen, dass sie von den sozialen Medien profitieren, weil sie dort nicht die Hürde der direkten sozialen Kontakte überwinden müssen. Social Media Plattformen geben den Betroffenen bislang ungeahnte Ausdrucksmöglichkeiten und zum Teil sind sie auch humorvoll, beschäftigen sich mit den kleinen Alltagsproblemen, in denen andere sich wiederfinden können. Diese Videos ersetzen den Austausch, den man im echten Leben darüber zumeist nicht hat. Sie geben das Gefühl, dass jemand versteht, wie es einem geht. Sie schaffen eine virtuelle Pseudo-Gemeinschaft. Für die Influencer selbst ist es eine Möglichkeit des Selbstausdrucks. Sie wenden ihr Stigma in eine Superkraft, mit der sie Anerkennung und Erfolg haben. Sie finden auf TikTok eine Plattform, auf der sie viel Bestätigung für ihr Sosein finden. Und tatsächlich können soziale Medien ein Stück weit auch helfen, sich dort über psychische Erkrankungen zu informieren. Zwar sind sie keine Quelle, auf die man sich verlassen kann, doch man muss sich klarmachen, Soweit ich recherchieren konnte, bekommt ein Hausarzt für die Beratung bei einem Erstbesuch keinen Cent extra. Diese Beratung ist in der Pauschale inbegriffen. Wenn er beim zweiten Besuch des Patienten abrechnen kann, dann ist eine Beratung bei 10 bis 30€ Eine Praxis muss aber nach meinen Recherchen an die 300,00€ pro Stunde erwirtschaften, um alle Kosten zu decken. Es wird also nur selten Hausärzte geben, die sich ehrenamtlich Zeit nehmen um die Sorgen ihrer jungen Patienten vollumfänglich anzuhören. Ein weiterer Punkt, an dem die sozialen Medien eine Entlastungsfunktion haben, ist das Thema soziale Beziehungen. Man sieht an, man sieht an dieser Statistik, viele Freizeitaktivitäten außerhalb des Netzes haben stark abgenommen in den letzten Jahren, seien es Vereinsaktivitäten oder Unternehmungen mit der Familie oder Zeit mit den Nachbarn. Auch aus anderen Gründen kann hier die Familie häufig nicht gut unterstützen. Zu groß ist bei vielen Eltern die eigene Unsicherheit, die Angst, das Kind könne versagen. Oder sagen wir es ehrlich, die Sprachlosigkeit zwischen Kindern und Eltern, die im Jugendalter häufig zu beobachten ist. Vielfach gibt es also im direkten sozialen Umfeld niemanden, mit dem man sprechen könnte. So ist es leicht nachvollziehbar, dass sich viele junge Menschen mit ihren Selbstzweifeln sich erst einmal an Doktor TikTok wenden und dort Entlastung suchen und zum Teil auch finden. So viel zu den positiven Aspekten der sozialen Medien. Sie haben es sicher schon gedacht, die Negativliste ist länger. Besonders in der Kritik stehen für viele Experten sogenannte Selbstdiagnosevideos. User sprechen über ihre psychischen Erkrankungen oder Störungen, oft ohne jemals eine Diagnose erhalten zu haben. Ob Tourette, A.D.H.S. oder Autismus, die Selbstzuschreibung genügt, oft auch um anderen Menschen mit ähnlichen Symptomen eine solche Krankheit nahezulegen. So, am Anfang hatte ich Ihnen ja schon Gewitter im Kopf vorgestellt. Das Risiko der sozialen Ansteckung oder Verstärkung besteht eigentlich bei allen psychischen Themen. Bei selbstverletzendem Verhalten beispielsweise oder bei Magersucht ist TikTok eine beliebte Plattform geworden, um sich selbst zu präsentieren. Junge Frauen postulieren ihre Schönheit und ihren abgemagerten schönen Körper in Anführungszeichen und zeigen sich in Modelposen. Die falsche Selbstwahrnehmung von Magersüchtigen wird hier idealisiert. Dies kann Mädchen mit Essstörungen immer tiefer in ihre Erkrankung treiben und auch bei anderen Themen kann das Internet stark dazu beitragen, dass aus Traurigsein Depressionen wird, aus Konzentrationsproblemen A.D.H.S. und aus Schüchternheit Autismus. TikTok hat auf die Kritik reagiert. Die Plattform spielt bei sensiblen Begriffen wie zum Beispiel Suizid oder Selbstverletzen inzwischen solche Texte ein. Videos dazu findet man aber immer noch, wenn man die Suchbegriffe etwas abschwächt, zum Beispiel schlank statt Magersucht eintippt. Denn das Geschäftsmodell von TikTok ist es nun einmal, Daten zu sammeln und die User so lange wie möglich auf der Plattform zu halten. es gibt Algorithmen, die dafür sorgen, dass man immer mehr von dem angeboten bekommt, was man schon gesucht hat. Wenn man nach Tanzvideos oder Skateboardern sucht, macht das Spaß. Wenn es um depressive Themen geht, besteht dann irgendwann auch die TikTok-Welt nur noch aus verzweifelten und resignierten. Auch das kann zu einer Verstärkung von Erkrankungen führen. Ein weiterer Punkt, der aus meiner Sicht sehr kritisch zu sehen ist, negative Gefühle gehören zum Erwachsenwerden. Auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und auch dem eigenen Geschlecht sind natürliche Phasen im Jugendalter. Über die sozialen Medien werden diese Gefühle nun pathologisiert. Was früher Liebeskummer war, heißt jetzt Depression. Was früher, ich kann mich zurzeit überhaupt nicht konzentrieren, war, heißt jetzt A.D.H.S. Natürlich gibt es viele Menschen, die tatsächlich eine Diagnose haben und denen das scheinbar hilft. Ihnen würde es aber möglicherweise besser helfen, darüber zu sprechen und sich professionelle Hilfe zu suchen. Häufig kommen die Jugendlichen erst in Behandlung, wenn sich die psychische Störung schon stark verfestigt hat. Über TikTok werden psychische Erkrankungen idealisiert. Es entsteht eine richtiggehende Ästhetisierung des traurigen Mädchens. Es gibt zum Beispiel das Sad-Girl-Phänomen. Mädchen zeigen online, wie man sich so schminken kann, dass man traurig aussieht und es gibt zum Teil auch Videos von Jungs, die genau diese Videos nachmachen. So, die erste hier steigt ein in ihr Video mit diesem Schlussbild und dann ist es 'n wirklich 23 Minuten Video, wo sie im Detail zeigt, wo sie auch bei Disney Figuren und so weiter die Ästhetik abguckt und wie sie sich genau schminken muss, damit es am Ende dieses Sade Girl Gesicht gibt. Vielfach wird hier die psychische Krankheit einfach als Selbstinszenierung zelebriert und das Zweite ist aber schon, dass man, wenn man dann auch berühmt ist online, dass man sich eher über seine Krankheit definiert, anstatt nach Stärken und Lösungen zu suchen. Das Leben von Jugendlichen stellt sie vor viel mehr Herausforderungen, als den meisten Erwachsenen klar ist. Der Leistungsdruck in der Schule ist immens. Die Sinnhaftigkeit dessen, was man zu tun hat, ist oft für die Jugendlichen nicht wirklich nachvollziehbar. Die intensive Handynutzung führt per se bereits zu einem starken Absinken der Aufmerksamkeitsspanne und hat vielfach Suchtcharakter. Da bieten die Plattformen der Psychosen einen willkommenen Ausweg von aus diesen Anforderungen. Das war es. Vielen Dank.
Mein Name ist Dagmar Preiß und ich komm vom Gesundheitsladen. Das ist 'ne Einrichtung, die wiederum 3 Untereinrichtungen hat. Das eine ist der Mädchen-Gesundheitsladen, das andere ist 'Jungen im Blick' und das dritte ist 'ne Anlaufstelle bei Essstörungen. Die heißt Abas und ist hier auch in Stuttgart. Wir sind Präventions und Beratungsstellen und wir haben und deswegen sind wir hier eingeladen worden, mit verschiedenen Schulen Kooperationen Und das heißt, wir bieten an, Schulen ein innerschulisches niedrigschwelliges Beratungsangebot für Mädchen an der einen Schule, für Mädchen und Jungs an den anderen Schulen an und das heißt, wir sind dort wöchentlich vor Ort und versuchen, Schülerinnen und Schüler bestmöglich zu unterstützen, wenn sie Herausforderungen jeglicher Art haben. Das heißt, an den Schulen ist es in der Regel so, dass es so 'ne Dreiteilung hat, die ein Drittel ungefähr hat tatsächlich Probleme im schulischen Bereich. Da geht es oft um Klassenkonflikte, es geht viel um Konzentrationsstörungen, es geht viel dadrum um Schulmotivation in den letzten Jahren auch und der zweite Bereich ist sind familiäre Herausforderungen. Das sind zum Teil familiäre Ereignisse, wie zum Beispiel Neugeburt eines Kindes, Geschwisterkindes, es ist aber auch viel Tod und Trauer in den Familien, wenn es zu Scheidungen kommt. Und wir haben in dem Bereich auch viele Fälle von Paragraph 8 A, also das heißt der Kindeswohlgefährdung, wenn es in der Familie Gewalt gibt, kommen die auch in diese Beratung. der dritte Bereich und deswegen sind wir heute hier, oder bin ich heute hier, ist das Thema psychische Gesundheit. Das heißt, das ist tatsächlich auch ein Thema, das Mädchen und Jungs in den Schulen beschäftigt. Das heißt, das kann relativ breit gefächert sein. Es kommen Mädchen und Jungs, die sagen: 'Ich hab A.D.H.S., ich hab 'ne Autismus-Spektrum-Störung, ich hab Depressionen, ich hab 'ne Angststörung, ich hab Zwangsgedanken.' Oder Problemen anderer Art, wo sich es hier schon unterscheidet, ist tatsächlich, dass die meisten Mädchen, da gibt es ein geschlechtsbezogenen Unterschied, mit Eigendiagnosen kommen. Also mit sozusagen aus einer eigenen Not raus. Und bei den Jungen ist es so, dass die häufig geschickt werden, häufig in dem Kontext Emotionsregulation. Das heißt, dass der Unterstrich einfach sehr schwierig ist, weil die mit ihren Emotionen nicht so umgehen können. dass der Unterricht reibungslos läuft. Das heißt, sie werden viel, viel mehr geschickt. In der Jugendphase, das haben meine Vorrednerinnen schon auch gesagt, ist es tatsächlich so, dass Mädchen und Jungs mit 'nem vielfältigen Entwicklungsaufgaben konfrontiert sind, die sie alle bewältigen sollten. Entschuldigung, wenn sie gut ins Erwachsenenalter hinübergleiten wollen. Und das ist so, das wird häufig unterschätzt, wie groß dieser Umbruch zwischen Kindheit und Jugend ist. Lange hat man gedacht, Jugendphase wär so 'n Zwischending zwischen Kindheit und Erwachsensein, aber es ist 'ne eigenständige Lebensphase mit eigenständigen Entwicklungsaufgaben und von daher immer schon sehr krisenbehaftet. Das ist wichtig, dass wir das wissen und das heißt, wenn ich viele Entwicklungsaufgaben als Mädchen, Junge hab und mit vielen Sachen konfrontiert bin, mit denen ich gar nicht so gerne konfrontiert sein möchte, geht es auch viel drum, immer wieder sich zu verorten, bin ich eigentlich normal, ist es normal, wie das bei mir läuft. Viele Jugendliche oder was den meisten von ihnen bekannt sein würde, aus der wird aus der eigenen Biographie, geht es, geht viel um körperliche Veränderungen. Also sind meine körperlichen Veränderungen normal oder ist es schon irgendwie außergewöhnlich? Aber es betrifft auch die mentale Gesundheit Und die mentale Gesundheit betrifft es deswegen verstärkt, weil die sich in den letzten 2 Jahrzehnten deutlich verschlechtert hat bei Kindern und Jugendlichen und zwar nicht nur deutlich und drastisch, sondern voraussichtlich auch dauerhaft. Diese Verschlechterung ist aber nicht nur bei den Kindern und Jugendlichen zu spüren, sondern auch bei den Erwachsenen. Das heißt, Erwachsene. Eltern oder Lehrkräfte oder diese begleitenden Erwachsenen sind oftmals auch nicht mehr so diese stabile Gegenüber, was man sich dann vielleicht in Krisen wünschen würde. Das andere ist tatsächlich, dass dieses Thema mentale Gesundheit, psychische Gesundheit, auch medial 'ne enorme Aufmerksamkeit erfährt und aber auch zunehmend erfahren hat. Es gibt viele gute Studien dazu, was sehr hilfreich ist, Aber letztendlich diese Aufmerksamkeit gestärkt hat und deswegen fragen die sich nicht nur: 'Bin ich groß genug, bin ich **** oder dünn genug?' sondern die fragen sich auch: 'Bin ich psychisch gesund?' Also, das ist sozusagen dieses Eigenthema, mit dem die sich beschäftigen, die Mädchen. mehr als die Jungen. Das ist das, was uns auffällt. Zu dem Thema jetzt Orientierung im Netz ist es so, dass sich tatsächlich die Jugendlichen viel Mühe geben, wenn ich das mal so sagen darf, sich dieses, wie geht es mir eigentlich, dieses Unwohlsein für sich ein Stück weit auch einzuordnen, wo bin ich da verortet Und die suchen sich tatsächlich Unterstützung zunächst erst mal im Netz. Aber das machen die auch, wenn sie Physikaufgaben nicht verstanden haben. Das machen die auch, wenn sie irgendwie ihre Englisch-Vokabellernstrategie verbessern wollen. Das heißt, es ist gerade dieses Tool, zumindest in Mitteleuropa, wo Jugendliche sich Informationen holen. Also das heißt, die machen das im Kontext mentale Gesundheit genauso wie bei anderen Herausforderungen, die sie in ihrer Lebensphase erleben. Und wenn Mädchen, tatsächlich vorwiegend die Mädchen, ab 14 Jahren zu uns in die Beratung kommen, at Beratung at School, dann waren die in der Regel schon im Netz gewesen. Also das heißt, die sagen, ich hab die und die Diagnose, ich hab zum Beispiel 'ne Angststörung, ich war im Netz und hab mal geschaut, was es so ist und jetzt bin ich hier, weil ich diese Diagnose hab. Also die relativ offen damit umgehen. viele haben aber auch 'n schlechtes Gewissen, weil sie mit ihrer Diagnose ankommen und sagen, ja, ich war jetzt leider schon im Netz, aber ich glaube, ich hab 'n ganz, ganz, ganz sicher, ich hab ADHS und es kann eigentlich überhaupt nichts anderes sein. Also das heißt auch, die kommen sozusagen mit so einem halb schlechten Gewissen und was das Netz aber oft auch macht, dass es dann rät zum Beratung, zu Face-Based-Beratung, zu Menschen zu gehen. Also das ist dann letztendlich auch wiederum der Vorteil. Was wir auch erleben in diesem Kontext, ist nicht nur, dass die Jugendlichen sich selber auf den Weg machen, sondern dass sich auch Freundinnen auf den Weg machen. Sobald die sich Sorgen machen um eine Mitschülerin oder Mitschüler, fangen die mal selber an zu recherchieren und konfrontieren dann diese Mitschülerin oder den Mitschüler, Freund, Freundin mit einer Diagnose. Also, ich hab jetzt gestern Nachmittag 2 Stunden recherchiert und das haben sie ja eindrücklich tatsächlich gezeigt. Ich hab jetzt, also ich hab mir echt Mühe gegeben, 2 Stunden recherchiert und letzte Woche war ich auch schon mal im Netz und ich bin mir jetzt ganz sicher, dass du 'ne Autismus-Spektrum-Störung hast. Also das heißt, das was die Freundinnen sagen, spielt dann oft auch 'ne Rolle oder dass du 'ne Depression hast oder vielleicht auch 'ne Zwangsstörung oder Essstörung oder was auch immer. Der dritte Faktor, der manchmal so 'n bisschen übersehen wird, aber was bei uns in der Beratung tatsächlich auch ankommt, dass Eltern ihre Kinder häufiger mit Diagnosen konfrontieren, ohne die medizinisch psychiatrisch abgeklärt zu haben. Also auch Eltern sind im Netz und sagen dann zu ihren Kindern ohne praktisch ärztliche Unterstützung, ohne therapeutische Unterstützung. du hast E.A.D.H.S., du mit deiner Depression. Also das heißt, wo das auch immer mit einer kleinen Abwertung verknüpft ist. Also das ist sozusagen, das sind diese 3 Hauptlinien, die wir so erfahren, wie die zu ihren Diagnosen kommen und die sind tatsächlich sehr netzbezogen, aber auch geschlechtsbezogen. Das heißt, Mädchen sind in diesem Kontext viel aktiver unterwegs als die Jungen das sind. Unsere Aufgabe sehen wir dann tatsächlich, darin, diesen ganzen Diagnosen erstmal mit Wertschätzung zu begegnen, weil die haben sich Mühe gegeben. Das machen die nicht, weil es ihnen langweilig ist, sondern das machen die, weil es ihnen nicht gut geht. Und wenn 'ne Zehnjährige zu mir kommt und sagt, sie weiß jetzt ganz genau, was sie hat, sie ist so überzeugt, weil ihr wird es ja jetzt schon 'ne Weile nicht gut gehen, also zur Erstberatung, und sie, sie weiß jetzt, was sie hat und es ist 'ne Angststörung und es wär sowas ganz, ganz Schlimmes. Wenn ich dann zu dieser Zehnjährigen sag, es ist relativ unwahrscheinlich oder irgendwas sag, obwohl ich sie gar nicht richtig kenne, dann würde das sozusagen sie noch mal eher zusätzlich nicht motivieren, sich sozusagen mit der Störung auseinanderzusetzen oder vielleicht auch nicht Störung auseinanderzusetzen, sondern es ist 'ne Einladung, sich dieses gemeinschaftlich anzugucken und zu gucken, woher die Diagnosen kommen. Für uns erschreckend ist tatsächlich, dass das in den aller, aller, allerwenigsten Fällen gesicherte Diagnosen durch Fachmenschen sind, auch welche, die praktisch schon länger in Behandlung sind, auch von Familien, die schon länger mit Diagnosen herumdoktern, ist es oftmals nicht richtig abgesichert. Und das ist natürlich für die Entwicklung oder für 'ne gesunde mentale Entwicklung für Mädchen und Jungs alles andere als hilfreich. Was auch noch in dem Kontext tatsächlich Ja, und dann natürlich zu gucken, zweiter Schritt ist zu gucken, was brauchen die eigentlich im Sinne der Störung, dass sich das gut entwickeln kann. Also, brauchen die 'n ambulantes Setting, brauchen die vielleicht auch 'n stationäres Setting, aber letztendlich sich erstmal Zeit zu nehmen für diese Verunsicherung, die mit diesen Diagnosen verbunden ist. Das andere, was in dem Kontext auch immer wieder auffällt an Schulen, ist ja praktisch, dass Jugendliche sich nicht in einem luftleeren Raum befinden, sondern dass die letztendlich endlich immer in Bubbles unterwegs sind. Das heißt, wir sind auch immer in irgendwelchen Gruppen unterwegs und dort gibt es Resonanz. Also das heißt, ich bin mit meiner Clique unterwegs, meine eine Freundin hat gesagt, ah, vielleicht hast du eine Depression. Die andere hat gesagt, ja, Depression glaub ich eher nicht, ich glaub eher mal eine soziale Phobie und der Dritte sagt dann noch mal was anderes. Und was dann schon auffällt, dass wir an den Schulen, an denen wir sind, es Klassen gibt, wo es tatsächlich vermehrte Diagnosen gibt und diese Phasen können ein, 2 Jahre andauern. Also das ist tatsächlich so, das wurde hier mit der sozialen Ansteckung sozusagen ein bisschen betitelt und es gibt andere Klassen, wo das kaum vorkommt. Also dieser sogenannte Looping Effekt, der ist nicht zu unterschätzen in diesem ganzen Kontext psychische Gesundheit. Das heißt auch, dass dann diese Diagnosen dynamische Konstellation sozusagen entwickeln können. Zum einen, was vorher auch angeklungen war, praktisch, wenn man online unterwegs ist, wenn ich in einem Gruppenchat bin, mit lauter anderen, mit selbstverletzendem Verhalten und mir geht es wieder besser, dann kann ich als Jugendliche diesen Chat kaum verlassen. Als 1314 Jährige, als 1718 Jährige ist das was ganz anderes, aber wenn ich 1314 alt bin, fällt es denen unheimlich schwer, solche Chats zu verlassen. weil sie würden ja ihre Freundinnen verlassen, die sie eigentlich unterstützen möchten. Also das ist sozusagen 'ne Dynamik, die nicht ganz so gut ist, was auch eine ungute Dynamik insbesondere an Schulen sein kann, dass die aufgrund ihrer psychischen Belastungen Sonderpositionen in der jeweiligen Klasse haben und aufgrund dieser Sonderpositionen die ganzen Klassengefüge immer wieder durcheinander geschmissen werden. Heute kam 'ne Lehrerin zu mir und hat gesagt, sie hat jetzt 'ne 10. Klasse, 3 mit Diagnosen in dieser Klasse und sie sagt, Unterrichten ist kaum mehr möglich, weil praktisch diese 3 haben diese Diagnosen und alle anderen denken, sie brauchen jetzt auch immer, was wohl in der Klasse leider passiert ist, sie brauchen auch immer wieder Sonderpositionen und da geht es ganz viel um Anwesenheit in der Klasse, also in der Schule, ist man anwesend oder nicht, darf man früher nach Hause gehen oder nicht und wo man dann auch merkt, was das für eine Not innerhalb von solchen Klassen auslösen kann, wenn es zu solchen Diagnosen sozusagen gibt. Ganz wichtig ist tatsächlich, unserer Beobachtung nach, sind echt Menschen, wenn die Diagnosen im Internet gestellt worden sind, wenn ich eigene Diagnosen habe, als Jugendliche oder als Jugendlicher. Und ganz wichtige Menschen sind in dem Fall tatsächlich die Eltern, die werden häufig unterschätzt von den Jugendlichen selber, die unterschätzen ihre Funktion aber auch als sonst als Unterstützungssystem häufig selber. Also nach dem Motto, das sollen die mal für sich ausmachen. Jugendliche sagen oft, na ja, das ist ja mein Problem, da haben ja meine Eltern nichts mit zu tun. Aber unsere Erfahrung ist tatsächlich die, wenn die Eltern mit im Boot sind, ist die Heilung schneller. Die Verbesserung geht deutlich, deutlich schneller voran. Insgesamt denken wir aber auch, dass die Verbesserung der psychischen Gesundheit 'ne gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Also das heißt, dass nicht nur Jugendliche individuell für den Medienkonsum, oftmals auch angeklagt werden von Erwachsenen, nach wie vor, was ganz, ganz schwierig ist aus meiner Sicht. Und was uns wichtig oder was wichtig ist, was uns aber als Gesellschaft gerade schwer fällt, das haben Sie auch vorher gesagt, ist tatsächlich Zuversicht zu vermitteln. Also das heißt, die Zuversicht zu vermitteln, dass die Dinge, dass Krisen auch gut ausgehen können, das fällt uns individuell, aber das fällt uns als Gesellschaft auch unglaublich schwer. Und das ist die Hintergrundfolie. vor der Jugendliche erwachsen werden. Das ist keine so ganz günstige im Augenblick. Dann 'n zweiter Punkt, der aus unserer Sicht auch wichtig ist, dass Jugendlichen Selbsterfahrungs oder Selbstwirksamkeitserfahrungen zugemutet werden, dass die selbstwirksam sich erleben dürfen, dass sie nicht immer geschont werden müssen. Das kann bei ganz kleinen Dingen sein, dass sie Konflikte schon selbst lösen können, dass man ihnen das zutraut, dass man ihnen aber auch zutraut, ihre Zimmerwand selber zu streichen, dass es niemand Professionelles machen muss. Also, weil bei Jugendlichen ist es so, dass die oft jede Ferien ihr Zimmer neu gestalten wollen und dass man sagt, das sollen sie selber machen. Auch das sind Selbstwirksamkeitserfahrungen, die unheimlich wichtig sind. Und im Sinne der Komplexitätsreduktion finden wir einen Punkt tatsächlich elementar wichtig und es ist das Thema soziale Beziehungen und Zugehörigkeit. Wir machen die Erfahrung, sobald Zugehörigkeit und soziale Bindungen wieder aktiviert werden, was sie sich ja manchmal gar nicht zutrauen, wenn es ihnen nicht gut geht, dass das praktisch die wichtigsten Prädikatoren dafür sind, dass die psychischen Störungen sich verbessern und das geht nur mit Echtmenschen. Das, diese Erfahrung können die nicht im Netz machen. Von daher schließe ich mit einem Zitat, Alles Wirkliche im Leben ist Begegnung von Martin Buber. Ich bedanke mich ganz herzlich.
Ich wollte Ihnen gern noch mal die Perspektive jetzt sozusagen aus der Endstrecke der Versorgung schildern, weil ich glaube, ganz entscheidend ist immer, von welcher Perspektive man auf das Thema guckt. Wir haben jetzt gerade eben aus der Beratungsperspektive gehört, davor aus der Perspektive sozusagen der digitalen Nutzung und Wir sind sozusagen diejenigen, die dann wirklich mit handfesten Diagnosen in die Versorgung treten. Und wir haben es im Vorgespräch schon gemerkt, unsere Perspektive ist ein bisschen andere. Es ist in der Tat so, wenn man sich die Jugendlichen anguckt, wir haben weitaus mehr mit Jugendlichen zu tun, die spät kommen, häufig viel zu spät kommen, mit sehr handfesten und auch zum Teil deutlich chronifizierten Erkrankungen als mit Jugendlichen, die mit einer Cyberdiagnose kommen. Und dann letztendlich gar nicht erkrankt sind. Das ist im Kindesalter ein bisschen anders, wenn es um entwicklungsbezogene Themen geht. Das heißt, Erwachsene gehen mit ihren Kindern etwas anders um als Jugendliche mit sich selber. Insgesamt sind wir sehr froh über das, was in den letzten 2030 Jahren passiert ist, dass 'ne Entstigmatisierung für psychische Störungen und auch für den Umgang mit sich selbst als Person eingetreten ist. Und das sehen wir in ganz vielen unterschiedlichen Bereichen, auch da, wo wir zum Teil sehr skeptisch gewesen sind, beispielsweise bei den Geschlechtsinkongruenzen. Also, dass Menschen im Zweifel sind darüber, ob ihr biologisches Geschlecht auch zu ihrem gefühlten Geschlecht passt. Und da haben wir sehr lange, würde ich auch selbstkritisch sagen, fachlich eher blockiert. Jetzt gibt es inzwischen 'ne Leitlinie, die eigentlich mit einem guten Konsens verabschiedet ist und die hat vieles in der Versorgung besser gemacht. Und ganz wesentlich waren auch die Betroffenen, die drauf gedrungen haben, da Gehör finden zu können an dieser Stelle. Das heißt, wir haben durchaus mehr Awareness für Diagnosen und was ganz typisch ist, dann auch, dass es mehr Vorstellungen gibt, häufig erstmal im beratungsbezogenen Kontext. Und wenn das dann handfester wird, dann in der Regel auch Eingang in die Diagnosefindung. Und ich glaub, da haben wir im Moment einen Flaschenhals. Also ist nach wie vor schwierig, einen Termin zu bekommen, um eine saubere Diagnostik zu machen. Und Barometer ist für uns häufig die Notfallversorgung. Das heißt, das wissen wir sehr gut aus dem Krankenhausgeschäft, auch aus der Somatik. Dort werden viele Dinge vorgestellt in den Nacht und Abendstunden, die man eigentlich sehr gut im hausärztlichen Kontakt hätte bearbeiten können. Häufig sogar, würde ich sagen, ohne ärztlichen Beistand. Die Notfallversorgung in der Kinder und Jugendpsychiatrie, da ist es eher so, Dass praktisch jeder Patient, der kommt, auch einen Aufnahmegrund hat oder eine rasche Versorgung benötigt. Das heißt, wir sehen nach wie vor, dass die Patienten zwar zur Beratung finden, aber danach schlecht finden in die weitere Versorgung des Systems. Und das ist, glaub ich, 'n Punkt. Den müssen wir uns als Erwachsene, also die sozusagen im mittleren Alter des Lebens stehen und eben halt auch Gesellschaft mitorganisieren, sehr ernst nehmen, dass wir nach wie vor Menschen, die besorgt um sich sind, es nicht gut ermöglichen, selbst dann auch in 'ne vernünftige Diagnostik zu kommen, um dann auch 'ne entsprechende Versorgung zu erhalten. Das zweite ist ein Phänomen, was wir relativ gut kennen aus der Versorgung von Patienten, dass in der Tat digitale Medien 'ne große Rolle dabei spielen, um noch mal so 'n paar Zahlen aufzurufen, die Zahl der psychisch belasteten Kindern und Jugendlichen, die ist sehr stabil gewesen über 20 Jahre hinweg. Das wissen wir einmal aus kleinen Populationsuntersuchungen, aber auch weil wir das gesamtgesellschaftlich angeguckt haben. Es gibt die Kinder und Jugendsurvey und da gab es immer ein Modul Bella. Das ist dann in der Pandemie auch genutzt worden, dieser Adressensatz, um die COPSY-Studie zu machen. Die haben Sie sicherlich alle noch im Hinterkopf. Das, was am U.K.E. gelaufen ist, das war das große Glück, dass Deutschland da organisiert gewesen ist. Und da sahen wir, dass innerhalb von 3 Monaten stiegen die Belastungen bei den Kindern und Jugendlichen an. Und wir sagen, dass ungefähr 10% immer schon früher auch mit psychischen Störungen manifest erkrankt waren, bevor sie erwachsen geworden sind, und dass 10% schwach aufgestellt waren. Das heißt, die waren nicht krank, haben sich belastet gefühlt und wenn dann normale Stressoren auftraten, beispielsweise Ortswechsel durch Umzug der Familie, Freundschaften zu Ende gehen oder auch Verlusterlebnis. In der Familie sind die erkrankt und in der Pandemie sind von diesen 10%, die schwach aufgestellt waren, die meisten auch erkrankt, sodass wir jetzt bei 20% erkrankte Kinder und Jugendliche angekommen sind und aus dem gesunden Spektrum, unteren Teil, welche dann mit schwacher Resilienz weiter abgerutscht sind an der Stelle. Das sollte uns zu denken geben, weil wir, denke ich, gesamtgesellschaftlich 2 Aufträge haben. Einmal sozusagen Die Persönlichkeitsbildung, das heißt das, was Erziehung in den Familien ausmacht, und die Familiensysteme sind wesentlich schwächer aufgestellt. Dann ein Punkt, den man häufig vergisst: Soziale Ungleichheit ist fürs Kindes und Jugendalter ein ganz entscheidender Faktor für psychische Gesundheit. Das heißt, wenn soziale Ungleichheit stärker wird in der Gesellschaft, treten auch mehr psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen aus. Und das ist genau das, was wir sehen, dass das durchaus 'ne Rolle gespielt hat. im vergangenen Jahrzehnt. Und dann kommt noch dazu, dass es in der Tat auch Engpässe in der Versorgung gegeben hat. Also wir haben viel zu lange gewartet, bis wir dann auch ein höheres Versorgungsangebot geschaffen haben. Stuttgart hat das nachdrücklich gemacht. 2022, wirklich in Pionierarbeit für Baden-Württemberg sind erheblich mehr Behandlungskapazitäten geschaffen worden und das hat auch einen nachhaltigen Effekt Erzeugt, die Wartezeiten sind runtergegangen. Die Versorgung ist besser geworden und auch was wir in der Nahdistanz sehen, auch wenn das immer schwer auszuhalten ist, die Zahl der Suizide ist heruntergegangen, die wir sozusagen vom Krankenhaus her überblicken können. Wir haben da 'ne ganz gute Position an der Stelle im Überblick in Stuttgart, weil wir Alleinversorger sind. Das hat auch 'ne historische Grundlage. Das ist in anderen Städten anders. Da gibt es in der Regel in Großstädten 2 bis 4 Versorger und damit übersieht das Krankenhaus auch relativ gut. was Versorgungsänderungen dann für die Bevölkerung bedeuten an der Stelle. Um jetzt noch mal exakt auf diesen digitalen Anteil zu kommen, Kinder und Jugendliche würden sagen, das sind eigentlich die gleichen Phänomene, die hat es immer schon gegeben, aber jetzt ist eben ein anderes technisches Medium dazugekommen an der Stelle, an der wir uns entsprechend ausprobieren. Und ein wesentlicher Punkt ist die Pandemie gewesen für diejenigen, die da in die Autonomieentwicklung hineingegangen sind, Weil ganz klassisch ist, dass man im Jugendalter lernen muss, mit Gleichaltrigen Konflikte zu lösen, ohne dass Erwachsene einem unbedingt an allen Stellen beratend zur Seite stellen. Und da haben wir uns in Deutschland entschieden, doch über längere Zeit soziale Begrenzungen einzuführen und das heißt, den Jugendlichen nicht ermöglicht, das im direkten Kontakt zu tun. Und ich hab das eben schon gesagt, auch wir Erwachsenen haben das erlebt, dass beispielsweise in klassischen Besprechungsformaten, die vorher in Präsenz waren, es online stattgefunden hat und wir dann sehr viel schneller zu Entscheidungen gekommen sind als früher. Ich würde sagen, häufig gar nicht gesehen haben, was für ein Schmerz wir bei denen ausgelöst haben, die dann den Kürzeren bei der Entscheidung gezogen haben. Das heißt, der direkte Kontakt, wir haben es eben gehört, die Beziehung ist eine ganz wesentliche Grundlage dafür, dass man lernt, miteinander Kompulse auszuhandeln und dass man auch seine Emotionen im Gefüge mit anderen gut regulieren kann und das hat diese Gruppe gut 2 Jahre nicht nutzen können, sondern in die digitalen Medien übertragen und da hat sich die Technik dazwischen geschaltet und auch bestimmte Prozesse, die ganz normal sind fürs Kindes und Jugendalter, sind digital abgebildet worden. Das ist einmal die individuelle Identitätsbildung, das heißt, man guckt an anderen, klassischerweise in der Schule auch, wer ist mir ähnlich und was hat er für andere Merkmale an der Stelle und damit verbindet sich dann Die individuelle Identität auch mit der kollektiven Identität an dem Punkt. Wir haben ein Phänomen, dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in Vereinen tätig sind, vom Sportverein, aber auch alle anderen Formen von Vereinen, sind weniger geworden. Und das, was wir damals an kollektiver Identität vor der Pandemie hatten, überträgt sich immer mehr in eine digitale Identität, beispielsweise in Chatgruppen an der Stelle. Aber dahinter liegen Algorithmen und eben nicht das, was wir normalerweise sozusagen in Beziehungen auch entsprechend steuern. Und damit verbunden sind dann Effekte wie Looping. Wir haben das gehört, dass man damit auch sozusagen ein Echo erzeugt im digitalen Netz, was dazu führt, dass sich das System auf einen eingroovt und man damit auch so eine eingeengte Perspektive bekommt, die dann unter Umständen auch gar nicht mehr so realitätsbezogen ist. Und 'n zweites Phänomen, dafür sind wir selber im versorgenden System auch verantwortlich. Wir sind sehr stark gegangen, den Weg beim DSM 5 beispielsweise. dass wir in diese Spektrumsbrückgriffe reingegangen sind und damit sehr stark in das normale Spektrum der Entwicklung vorgerückt sind. Das führt zusammen mit dem Concept Creep, er hat das genannt. Das heißt, das was eigentlich normal ist in der Entwicklung, wird unter Umständen als pathologisch angesehen, weil es nicht mehr im Gesamtzusammenhang gesehen wird, sondern sehr konkretistisch einzelne Phänomene. Und natürlich, wir haben es eben gesehen, kann jemand mit Autismus Perzeptionsauffälligkeiten haben, aber das ist nicht der Kern der Störung, das ist die zentrale Kohärenzstörung. Und ohne dass ich das letztendlich einordne an der Stelle, gibt es ein großes Durcheinander und dann eben auch ein großes Fehlverständnis an der Stelle. Und da denke ich, sind wir aufgerufen, einmal als Fachleute mehr Zugang zu wirklich sauberer Diagnostik zu ermöglichen, aber wir insgesamt auch als Gesellschaft mehr Anleitung zu geben. Und ich glaube, vieles, was wir als Toleranz verstehen, ist manchmal auch Nachlässigkeit uns in Konflikte und auch in Reibung mit einer jüngeren Generation zu begeben, die eigentlich auch einen Anspruch darauf hat, dass wir das im direkten Kontakt erledigen erledigen und dann eben nicht über die digitalen Strukturen. Ich versuche das in einem ganz einfachen Beispiel zu machen. Ich bin groß geworden in den 70er Jahren und dort gab es in der Pädagogik eine sehr starke Bewegung, dass man Kinder dazu angeleitet hat, sich selbst zu reflektieren. Ich sag das mal übertrieben. Am Abend, bevor man in die Schule gegangen ist, willst du mal die grüne, die blaue oder die gelbe Hose anziehen. Und dann hat man sich für die blaue entschieden und am nächsten Morgen ist man gefragt worden, willst du wirklich die blaue Hose anziehen oder doch die grüne Hose an der Stelle? Und heute sind wir sehr stark in der Distribution der Verantwortung und auch der Meinungsbildung. Das heißt, wir würden zum Hosenberater mit dem Jungen fahren und der würde einem dann sagen, was die richtige Farbe ist. Und da machen wir uns das, glaub ich, häufig in der Persönlichkeitsbildung zu einfach. Kinder haben Anspruch darauf, im direkten sozialen Kontakt sich auch reiben zu können an Erwachsenen und auch dort den Spiegel zu haben, eben nicht den digitalen Spiegel, sondern den Spiegel in der persönlichen Beziehung.
Vielen Dank, vielen Dank fürs Zuhören. Anregungen und Fragen zur heutigen Folge können Sie uns gerne über unsere E-Mail-Adresse Pressestelle at E. V. minus akademie.de oder über Instagram oder Facebook zusenden. Wir freuen uns, wenn Sie beim nächsten Mal wieder dabei sind. Abonnieren Sie gerne unseren Podcast. Herzliche Grüße aus der Evangelischen Akademie Bad Boll.
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